Connecting the Dots

16. Jul 2021 | Artikel | 0 Kommentare

Damals bei der Berufswahl ging es irgendwie um Stärken und Schwächen – und irgendwer hat einem dann gesagt, welcher Job der richtige ist. Das hat mir persönlich genau nichts gebracht. Probier’s stattdessen doch mal hiermit.

Connectiong the Dots

Was dir bei der Berufsberatung keiner erzählt hat

(Dieser Artikel erschien noch auf der alten Website und wurde hierher umgezogen.)

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das heutzutage so läuft … aber damals, kurz nach dem Millennium, wurde das Thema Berufswahl (und das heißt immerhin Lebenswahl) sträflich vernachlässigt. Vielleicht bist du ja auch gerade an einem Punkt, an dem du ein bisschen Berufsberatung gebrauchen könntest – und vielleicht kann dir dieser Artikel dabei helfen, etwas Klarheit zu schaffen.

Okay, also nachdem wir im letzten Post geklärt haben, dass hier für’s Erste nichts perfekt sein wird, können wir jetzt wieder ganz entspannt zum Heureka-Moment zurückspringen. Oder nein, springen wir noch ein bisschen weiter zurück.

Rückblende

Ich hatte schon immer tausend Berufsideen und exakt null Plan, was ich denn nach der Schule eigentlich machen will. Zu viele Ideen, zu viele Möglichkeiten, zu wenig Ahnung vom Leben jenseits der Schule. Was damals an Infomaterial, Tests und persönlicher Beratung zu haben war, reichte mir definitiv nicht. Nach der Schule folgte eine laaaaange Odyssey durch verschiedene Berufszweige und Bildungseinrichtungen und schließlich kam 2016, also zehn Jahre nach dem Abi, die Selbstständigkeit als Texterin. Gute Entscheidung.

Jetzt, fünf Jahre später, kam der Punkt, an dem Texten für Geld mir nicht mehr genug war. Dazwischen gab und gibt es noch weitere Jobs und weitere Bildungseinrichtungen (wieso sollte man auch aufhören zu lernen?!) – und trotzdem fehlte da irgendwas.

Neulich kam dann der Heureka-Moment. Einfach so. Vielleicht wünschst du dir auch so ein erhellendes Erlebnis, bei dem du plötzlich alles klar siehst. Und hast keine Ahnung, wie du dahinkommen sollst. Weil du es vielleicht schon tausend Mal versucht und nicht geschafft hast.

Deshalb erzähl ich einfach mal, wie mein Heureka zu mir kam, und vielleicht kann der Impuls dazu beitragen, dass deins zu dir kommt. Falls du schon tausend Dinge probiert hast, kann eins mehr ja auch nicht schaden, oder? 😉

Punkte verbinden

Kennst du die Stanford-Rede von Steve Jobs? Er erzählt darin drei Geschichten aus seinem Leben. Die erste handelt von „Connecting the dots“, vom Punkte verbinden. Schau dir die Rede am besten selbst an (auf YouTube im englischen Original – es gibt auch verschiedene Übersetzungen auf Deutsch).
Ich ziehe mir die Rede seit Jahren immer mal wieder rein, wenn ich nicht weiter weiß oder gerade richtig schlecht gelaunt bin. Sie beeindruckt mich und baut mich auf. Immer wieder. Und jetzt dachte ich, dass es vielleicht an der Zeit ist, Steves Beispiel zu folgen und mal meine Punkte zu verbinden, um daraus etwas zu machen.

Also habe ich in meinem Notizbuch eine neue Doppelseite aufgeschlagen und sie „Dots to connect“ getauft. Ich hab mir ein paar bunte Stifte geschnappt und in Kästchen und Listchen Stichworte zu mir, zu meinem Leben, zu meinen Interessen, zu meinen Eigenschaften notiert.

Alles. Nicht nur die „Stärken“ und die „Schwächen“. Welche „Schwäche“ hast du denn, die im passenden Kontext nicht auch eine Stärke sein kann? Es sind einfach Eigenschaften, die wir nicht vorschnell werten sollten. Jede Eigenschaft hat ihre Berechtigung, jede wird irgendwo gebraucht. Auch deine Macken, deine Spleens, deine Gewohnheiten, deine Bedürfnisse gehören zu dir. Und natürlich deine Interessen, deine Erfahrungen; die Dinge, die du gut kannst und die dir Spaß machen; und die Dinge, die dir einfach nicht liegen, die dich nicht interessieren, mit denen du nicht klarkommst. Schreib auch deine (gewünschten) Lebensumstände auf, schreib auf, welche Gegenstände zu deinem Alltag gehören, was du gerne in die Hand nimmst, was du gerne anschaust, ob du lieber drinnen oder draußen bist, was du gerne noch lernen willst oder, oder, oder. Schreib einfach.

Falls du nicht aus dem Stegreif schreiben magst, findest du ganz unten eine Vorlage mit Impulsen zum Download.

Dein Heureka ist in dir – und nur du kannst es entdecken.

Leg das Ganze eine Weile zur Seite und lass es erstmal sacken. Bei mir hat sich nach dem Gekritzel einiges getan. Der Kopf hört ja nicht einfach auf zu arbeiten, nur weil du den Stift nicht mehr in der Hand hältst. Gib deinem Kopf oder deinem Herzen oder dem Universum Zeit, deine Notizen zu verarbeiten und zu ergänzen. Nimm den Stift nochmal in die Hand. Fang nochmal ganz von vorne an, falls du das möchtest. Konzentrier dich mal nur auf einen Aspekt: Was macht mir so viel Spaß, dass ich dabei die Zeit vergesse – und bei welchen Tätigkeiten geht die Zeit um’s Verrecken nicht rum? Welche (Berufs-)Wünsche und Ideen hatte ich als Kind / Teenie / danach? Welche Jobs würde ich niiiiie machen – und warum?

Dein Kopf (oder dein Herz oder das Universum) wird dann jeweils den folgenden Teil der Arbeit übernehmen, Lücken füllen und … Punkte verbinden. Das Gehirn ist (unter anderem) dazu gemacht, Muster zu erkennen und Dinge zu ordnen. Du erkennst ohne Nachdenken, welches Wort nicht in die folgende Reihe gehört und was die anderen drei Begriffe gemeinsam haben: Pferd – Katze – Rose – Hamster.

Dein Leben ist ein gutes Stück komplexer als eine Wortreihe, also braucht es wohl auch etwas länger, um deinem Heureka auf die Spur zu kommen. Aber wieso soll es nicht möglich sein? Weil es bisher nicht geklappt hat? Das ist kein Grund. Also probier’s einfach mal. Es kostet nichts und du hast nichts zu verlieren.

Erkenntnisse

In den Tagen nach dem Schreiben sind mir ein paar Dinge klar geworden. Kleinigkeiten. Zum Beispiel, dass mein MacBook (Danke, Steve!) für mich zwingend zu meiner Arbeit gehört. Und nicht nur, um die Buchhaltung zu machen. Oder dass ich mir mit meinem Perfektionismus immer wieder im Weg stehe und deshalb rund fünftausend Ideen für Blogartikel nie den Weg über das MacBook ins Internet gefunden haben.
Alles Pillepalle, keine krassen Erkenntnisse. Nichts, was mich aus der Bahn geworfen hätte. Ein paar Nächte später konnte ich nicht einschlafen (Schlafstörungen sind auch einer meiner Dots). Dämmerte irgendwo kurz vorm Träumen vor mich hin und dann kam ein Halbgedanke zum anderen und es kam noch einer dazu und noch einer und noch einer und auf einmal war alles an seinem Platz. Alles passte auf einmal zusammen und ergab ein rundes Bild. Eine f***ing Eingebung! HEUREKA eben.

Solche „magischen“ Eingebungen verwerfen wir glaube ich ganz gerne immer viel zu schnell. Kann ja nicht SO einfach gewesen sein. Ich hab die frohe Kunde gleich per Whatsapp weitergegeben, damit ich mich am nächsten Morgen nicht selbst verarsche. Erstmal festnageln – und dann schauen, was passiert. Solange wir nur gaaanz hypothetisch mit irgendwelchen Gedanken rumspielen, können wir sie nicht ernst nehmen. Wir müssen ihnen zumindest ein kleines bisschen Realität zugestehen, um auszuprobieren, ob sie funktionieren könnten. Ein paar Sätze dazu schreiben oder darüber reden sind meiner Meinung nach probate erste Schritte auf dem Weg in die Realität.

Und warum soll ein bisschen hirnloses Schreiben jetzt besser sein als irgendeine Berufsberatung oder ein Berufseignungstest? Ganz einfach: Weil es aus dir heraus kommt, weil es dein eigenes Konstrukt ist. Ein computerbasierter Test wertet deine Antworten aus und gleicht sie mit irgendeiner Datenbank ab. Jeder Mensch (Berufsberater, Freunde, Familie etc.) betrachtet dein Anliegen immer nur durch seine eigene Brille und bis zu seinem Horizont. Das kann hilfreich sein – oder auch nicht.

Ein Coach kann auch nur das zutage fördern, was eh schon in dir ist. Kann dir die richtigen Fragen stellen, damit du dich selbst besser kennenlernst. Und genau darum geht es auch, wenn du dir Zettel und Stift nimmst: Du lernst dich selbst besser kennen und entdeckst Aspekte oder Überschneidungen, die du vorher nicht gesehen hast.

Lass uns Mathe machen!

Magst du Mathe? Nein? Ich schon. Also, einfache Rechnung:
Eine Woche hat 7 x 24 = 168 Stunden.
Du schläfst +/- 8 Stunden pro Wochentag:
168 Stunden – (7 x 8) = 112 Stunden Wachzeit pro Woche.

In diesen 112 Stunden wirst du unter anderem essen (plus Lebensmittel einkaufen und irgendwie zubereiten), deinen Haushalt und Papierkram erledigen, unter der Dusche stehen und vielleicht auch noch Kinder, Haustiere, Angehörige versorgen. Überschlag mal kurz, wie viel Zeit dafür wöchentlich im Schnitt draufgeht. Sagen wir, damit die Rechnung überschaubar bleibt, 12 Stunden pro Woche (das reicht nicht.)

Also bleiben von 112 Stunden Wachzeit noch 100 Stunden pro Woche übrig, nachdem du das Allernötigste erledigt hast.
Und jetzt kommt die Arbeit dazu. Nehmen wir eine Vollzeitstelle mit 40 Wochenstunden. Wie viel Zeit kostet die dich?

40 Stunden reine, bezahlte Arbeitszeit. Bei 5 Arbeitstagen hast du dann täglich mindestens eine halbe Stunde Pause, also insgesamt schon 42,5 Stunden. Und du hast den Weg zur Arbeit, 5 mal hin und zurück. Sagen wir mal eine Stunde täglich, also 5 Stunden, insgesamt 47,5 Stunden. Runden wir das auf 50 auf. Du bleibst ja auch mal länger, oder rauchst noch eine, bevor es morgens losgeht. Und wahrscheinlich gehen für die Logistik sowieso mehr als 30 Minuten pro Tag drauf. Rechne es mal für deine Lebenssituation durch; im Beispiel kommen wir auf 50 Stunden, die du wöchentlich für deinen 40-Stunden-Job investierst. (Sollen wir mal den reellen Stundenlohn ausrechnen? Machen wir in einem der nächsten Blogartikel.)

Wenn du also geschlafen, und das Allernötigste erledigt hast, geht die Hälfte der übrigen Zeit (100 – 50 = 50) für deine Arbeit drauf. Dir bleiben noch 50 Stunden für dich und das, was dir wichtig ist. Überschlag es mal, höchstwahrscheinlich bleibt dir weniger. Wir vertiefen das Thema demnächst und rechnen etwas genauer. 😉

Ein ordentliches Paar Schuhe

Für’s Erste halten wir fest: Deine Arbeit bestimmt mindestens die Hälfte der Zeit, die du zur freien, wachen Verfügung hast.
50 Prozent.

Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich finde, dass diese 50 Prozent angenehm, schön, interessant sein müssen. Du würdest doch auch keine Pizza essen, bei der die Hälfte verschimmelt ist. Oder ein paar Schuhe kaufen, bei dem der Rechte die falsche Größe hat. Von der Pizza wird dir noch tagelang schlecht sein und mit dem Schuh in Größe 36 machst du dir die Füße kaputt. Autsch.

Soll heißen: Auch wenn „nur“ 50 Prozent von irgendetwas nicht so ganz okay sind, können sie dir 100 Prozent kaputtmachen. Wenn dein Job dich ankotzt, tut er das nicht nur die 50 Prozent von deiner freien, wachen Zeit, die du willentlich in ihn investierst. Er tut es auch in der übrigen Zeit. Vielleicht sogar während du schläfst. Mach nicht den Fehler, dir Tag für Tag die Füße krumm zu laufen und die Haltung zu versauen. Such dir lieber ein ordentliches paar Schuhe, das wie angegossen passt. Connect your Dots!

Mal ausprobieren?

Arbeitsblätter zum Download

Lade dir die Connect your Dots-Arbeitsblätter als PDF zum Ausfüllen herunter. Du wirst jede Menge über dich selbst erfahren und vielleicht schneller als gedacht dein Heureka finden. Ich drücke dir die Daumen!

Weiterlesen? Vielleicht ist hier was dabei, das dich interessiert.

Heureka!
Puzzlestücke fügen sich zusammen, plötzlich macht es BÄM! und du weißt gar nicht, wohin mit all den Ideen – das muss Frühling sein.
Protect your Mojo, Baby!

Bloß niemanden enttäuschen und immer schön die Erwartungen erfüllen. Leider keine Gute Idee, denn ohne klare Grenzen kommt dir dein Mojo abhanden.

journal#39

Ein Neuer Weinjahrgang wird geerntet. Logo für die Guldentaler Jungwinzer*innen. Und warum jeder einen Job haben sollte, den er liebt.